Ernüchterung nach der Wiedereröffnung

Nach drei Schließwochen hatten viele Händler auf einen Ansturm auf ihre Geschäfte gehofft. Doch die Frequenz blieb an den ersten beiden Tagen sehr überschaubar. Da halfen auch Rabatte nichts.

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Überwog am Montag vielerorts noch die Freude, überhaupt wieder aufsperren zu können, machte sich spätestens am 8. Dezember die Ernüchterung breit. Von »eher ruhig« bis »Katastrophe« reichen die Rückmeldungen. »Die Frequenz ist wesentlich weniger als in den Jahren zuvor«, berichtete etwa Martin Aumayr, Centermanager der Plus City in Pasching. »Gestern war es vernünftig, heute ist es eher enttäuschend. Die Leute halten sich schon sehr, sehr zurück.« Auch in der SCS waren zwar Menschen unterwegs, Gedränge herrschte jedoch keines. Die meisten Geschäfte waren eher mäßig besucht, wenn nicht sogar ohne Kunden. Selbst in den Shops der großen Modeketten, wo sich normalerweise Schlangen an den Kassen bilden, gab es freies Vorankommen.
In der Wiener Innenstadt wird in fast jedem Schaufenster mit Rabatten um Kunden geworben. Besonders in den Seitengassen herrschte zumeist gähnende Leere. Enttäuscht äußerte sich die Besitzerin einer Boutique beim Stephansplatz, bei der zu Maria Empfängnis bis zum frühen Nachmittag noch kein Kunde eingekauft hatte. Auch aus Innsbrucker Innenstadt hieß es, Bekleidungsgeschäfte seien »sehr spärlich besucht«. Besser lief es österreichweit für Unterhaltungselektronik, technische Geräte, Dekorations- und Haushaltsartikel und Bücher.

Was fehlt: Gastronomie, Weihnachtsmärkte, Touristen

Dem Handelsverband zufolge blieben die ersten beiden Einkaufstage nach der Wiedereröffnung »deutlich hinter den Erwartungen der Händler« zurück. Die verlängerten Öffnungszeiten hätten sich nicht ausgezahlt, vielerorts sei vielmehr Personal bereits um die Mittagszeit wieder nach Hause geschickt worden.
Mit Maske und Abstand, ohne sich irgendwo aufwärmen zu können, »hält sich der Spaß in Grenzen«, analysierte Handelsobmann Rainer Trefelik. Und: »Das Gesamterlebnis fehlt.« Aus epidemologischer Sicht sei das zwar gut, nicht aber für die Umsätze der Händler. Die Kunden kaufen derzeit gezielt ein, spontane Gelegenheitskäufe und Flanieren fallen aus – nicht zuletzt deshalb, weil die Gastronomie geschlossen ist. Ohne Weihnachtsmärkte und Punschstände will in den Innenstädten keine rechte Kauflaune aufkommen. Auch die Touristen fehlen, um das Geschäft anzukurbeln, so Trefelik. Davon sind auch die Grenzgebiete betroffen. So vermisst etwa der Salzburger Handel die Kunden aus Bayern, in Vorarlberg bleiben die Schweizer aus. Dazu kommt, dass viele Kunden aufgrund von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit weniger Geld zur Verfügung hätten. Die teils hohen Rabatte sollten dieser Gruppe entgegenkommen. Vorerst offenbar vergebens. 
Wenn schon die Frequenz mäßig sei, sei zumindest die Kaufabsicht hoch, meint nicht nur Monika Sandberger, Centerleiterin in der Passage Linz: »Jeder, der kommt, kauft.« Die Leute peilten »sehr zielstrebig« die Geschäfte an und wussten oft genau, was sie kaufen wollen. Der Umsatz pro Kunde sei überdurchschnittlich. »Die Kunden kommen, kaufen und gehen wieder«, berichtete auch Burkhard Dünser, Geschäftsführer des größten Vorarlberger Einkaufszentrums Messepark, der sich freilich »ein bisschen mehr« Andrang erwartet hatte.

Keine »Überförderung«

Damit gibt es vorerst keine Entspannung für die schwierige Lage in vielen Betrieben. Laut Handelsverband konnten 20 % der Händler die doppelten Gehälter nicht zeitgerecht bezahlen, jeder 4. Unternehmer kann seine anstehenden Rechnungen nicht begleichen. Lauter wird deshalb die Forderung an die Politik, das Geld für den Umsatzersatz rasch auszuzahlen. Der Modehandel bekommt für die Schließtage 60 % des Vorjahres-Umsatzes ersetzt, Anträge sind nur bis 15. Dezember möglich. Überförderung, wie vielfach kritisiert, will man in der Branche keine sehen. Schließlich hätte gerade der Modehandel schon in der ersten Novemberhälfte vielfach nur die Hälfte des üblichen Umsatzes erzielt und dafür keinerlei Entschädigung erhalten. Dies setze sich nun, nach dem Lockdown, offenbar fort.

Hoffnung auf Jänner

Teils wird aus dem Handel immerhin von einer starken Nachfrage nach Gutscheinen berichtet. Das lässt die Hoffnung auf eine Verlagerung der Umsätze nach hinten aufkeimen. Prompt erhob der Einkaufszentrenverband ACSP die Forderung, die Öffnungszeiten auch an den Samstagen nach Weihnachten zu erweitern, konkret am 2. und 9. Jänner. Die Überlegung dahinter: Die meisten Kunden sind wohl nicht im Skiurlaub und könnten das ersparte Geld, aber auch etwaige Bargeld- oder Gutschein-Geschenke dann im Handel investieren. Die Hoffnung stirbt also zuletzt.

 

Von: Manuel Friedl, www.textilzeitung.at