Europäische Uneinheit

Europa ist klein, dicht besiedelt und hat viele Grenzen. Aber trotz EU handhaben die Länder Pandemie, Lockdown und Wiederöffnung auf sehr unterschiedliche Weise.

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Die europäischen Staaten gehen seit Beginn der Pandemie ihre eigenen Wege: Von roten Zonen in Italien und militärischen Sperrzonen in Spanien bis hin zu skandinavischer Offenheit und dem Hoffen auf Herdenimmunität in Schweden, die Erfolge, das Virus in den Griff zu bekommen, waren durchwachsen. Allein die Finnen konnten die Infektionszahlen bisher überschaubar halten. In einem Land, das spärlich besiedelt ist und einen nationalen Hang zum Einzelgängertum hat, ist Social Distancing keine Maßnahme, sondern eine Haltung – die während einer Pandemie äußerst hilfreich ist.

Überall anders fährt man seit vergangenem März einen Slamonkurs zwischen Lockdown, Öffnung und diversen Maßnahmen von Ausgangssperren bis Maskenpflicht. Dass auch Nachbarn hier nicht immer an einem Strang ziehen, erleichtert die Sache kaum, was sich aus heimischer Sicht besonders am Beispiel Österreich-Deutschland zeigt: Kein Schritt der türkis-grünen Bundesregierung, der nicht von Bayern oder Berlin kommentiert, kritisiert oder gar sanktioniert wird. Mitte Februar gingen hierzulande die Rollbalken im Handel und bei den Dienstleistern wieder hoch, in Deutschland wartetet man hingegen ab. Aber auch hier scheint der Druck zu steigen. Zwar verlängerte die deutsche Regierung am Mittwoch dieser Woche den Lockdown bis 28. März, gleichzeitig beschloss man aber eine stufenweise Öffnung mit eingebauter Notbremse. Ab einer Inzidenz von 50 oder sogar 100 kann es Lockerungen geben, sollten die Zahlen aber wieder steigen, werden automatisch alle Erleichterungen zurückgenommen. Damit man gar nicht erst so weit kommt, werde verstärkt getestet und geimpft. In einem ersten Schritt können nun Blumen- und Buchgeschäfte sowie Gartencenter aufsperren, der Rest soll schrittweise folgen. Frühesten am 5. April soll dann der gesamte Handel unter Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen öffnen können.

Allein auf der Insel

Die Briten stecken zurzeit in einem Zweifronten-Kampf: Sie wurden nicht nur hart von der Pandemie getroffen, seit 1. Jänner sind sie auch nicht mehr Mitglied der EU und durchleben gerade diese Scheidungsnachwehen. Sie sind nach wie vor eng verbunden mit und ein Stück weit abhängig vom Festland und den dortigen Wirtschaftspartnern. Viele britische Unternehmen mussten bereits Corona-bedingte Einbußen hinnehmen, die Trennung von Europa gibt jetzt so manchen den Rest. Besonders Zoll und Steuern werden hier wohl zum Sargnagel vieler UK-Firmen. So ist mit dem Ende der Brexit-Übergangsphase zu Jahresbeginn auch Duty Free auf der Insel Geschichte. Jedes Jahr hatten Millionen von nicht-EU-Besuchern die Möglichkeit, in Großbritannien zollfrei einzukaufen. Im Sommer 2019 – noch vor der Pandemie – wurden in UK von Touristen aus Übersee fast 3 Millionen Pfund Sterling ausgegeben. Das ist nun vorbei. Die britische Finanz begründete ihre Entscheidung damit, internationale Normen an ihr Steuer- und Abgabensystem anlegen zu wollen. Betroffen davon ist der Duty Free-Verkauf an Flughäfen und auf Fähren sowie die Mehrwertsteuerrückerstattung für Nicht-EU-Bürger. Luxus-Händler wie Burberry oder Harrods laufen nun Gefahr, international Touristen zu verlieren, da diese ihre Shopping-Aktivitäten wohl auf das europäische Festland verlegen werden. Das Vereinigte Königreich könnte so das einzige Land in Europa sein, dass Touristen kein Tax free-Shopping bietet. Aber auch Online-Händler raufen sich angesichts der neuen Zusatzkosten die Haare, denn wer bei Online-Shops außerhalb der EU bestellt, muss mit Einfuhrabgaben rechnen. Ab einem Einkauf von  150 Euro werden Zölle fällig, eine Einfuhrumsatzsteuer ist bereits ab einem Einkaufswert von 22 Euro zu bezahlen. So kann es durchaus vorkommen, dass bei einer Bestellung aus UK Zusatzkosten entstehen, die höher als der Warenpreis sind, von eventuellen Rücksendekosten ganz zu schweigen. Für hiesige Händler könnte das allerdings bedeuten, dass man so auch ausländische Mitbewerber loswird, denn britische Shops sind hierzulande sehr beliebt. Täglich liefert die österreichische Post etwa 500 Pakete aus UK aus, zukünftig werden es wohl bedeutend weniger sein. In Großbritannien herrscht jedoch noch erhebliche Unsicherheit die neuen Regeln betreffend. Eine Umfrage unter 500 kleineren Online-Händlern hat ergeben, dass fast die Hälfte nicht weiß, welche Kosten auf sie zukommen. Das dürfte auch Auswirkungen auf deren europäische Handelspartner haben.

Trotzdem, Hoffnung ist in Sicht. Ende Februar verkündete Premier Boris Johnson einen Vier-Stufen-Plan zum Wiederhochfahren der Wirtschaft. Diese Woche präsentierte Schatzmeister Rishi Sunak im Rahmen seines Haushaltsplans ein milliardenschweres Hilfspaket. Mit einer neuerlichen Aufstockung stehen jetzt 472 Milliarden Euro zur Verfügung. Da die Impfoffensive der Briten nun greift, soll ab 12. April der Handel wieder offen stehen, bis 21. Juni sollen sämtliche Corona-Restriktionen fallen.

von: Claudia Stückler, www.textilzeitung.at