Kaufrausch vorm Zusperren - Entschädigungen von 20 bis 60 %

Einen Tag vor dem neuerlichen harten Lockdown wurde in Österreich noch einmal kräftig eingekauft. Die Umsatzausfälle bis 7. Dezember treffen vor allem den Modehandel hart.

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Seit Montag 00.00 Uhr gelten in Österreich die neuen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus - und sie sind genauso hart wie im Rahmen des ersten Lockdowns im März dieses Jahres. In der Covid-19-Notsituationsverordnung ist die Sperre des gesamten heimischen Non-Food Handels von 17. November bis 6. Dezember vorgesehen. Ausgenommen sind lediglich Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Drogerien und Trafiken sowie Banken und Post-Filialen. Ähnlich wie für Gastronomie und Hotellerie soll es Entschädigungszahlungen für von der Schließung betroffenen Händler geben - je nach Branche sollen zwischen 20 und 60 % des vergleichbaren Vorjahresumsatzes refundiert werden. Rainer Trefelik, Obmann der Sparte Handel in der WKÖ, hält den am Sonntag angekündigten Umsatzersatz generell für eine gute Nachricht: „Bisher konnten die heimischen Handelsbetriebe nur Anträge auf den Fixkostenzuschuss stellen. Mit dem Umsatzersatz haben die Betriebe nun eine Perspektive und viele Unternehmer brauchen dringend Hilfe. Aus Sicht des Handelsobmanns müsse diese Hilfe nur „schnell fließen, darauf vertrauen unsere Betriebe. Verzögerungen in der Auszahlung der Hilfen können sich  sehr viele Unternehmen aktuell nicht mehr leisten.“

Die angekündigten Ersatzzahlungen seien jedenfalls zu niedrig, lässt Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will via Aussendung wissen: „Zwischen den betroffenen Branchen darf kein Unterschied gemacht werden, immerhin wurde versprochen, dass niemand in dieser Krise zurückgelassen wird. Gerade jetzt, wo das Weihnachtsgeschäft richtig anläuft und die doppelten Gehälter (Weihnachtsgeld) sowie hohe Mieten anstehen, brauchen die Betriebe rasche Unterstützung, um die 490.000 Arbeitsplätze im Non-Food Handel abzusichern. Das Gegenteil ist nun der Fall, nachdem zwar harte Maßnahmen verhängt werden, jedoch keine Sicherheit bei der Höhe der Hilfen besteht. Aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen (Gewinnspannen, verderbliche Güter, Wiederverkauf, Nachholeffekte) wird der Handel differenziert betrachtet: Ausgehend von einer 40 % Basis soll es Aufstufungen bis zu 60 % für Bereiche mit verderblicher und stark saisonal bedingter Ware sowie Abstufungen für jene Bereiche, wo die Waren kaum Wertminderungen unterliegen." Der Handelsverband fordert stattdessen einen Umsatzersatz von 80 Prozent, also in gleicher Höhe wie für die bereits von Schließungen betroffenen Branchen.

Power-Shopping vor Lockdown

An den beiden letzten verkaufsoffenen Tagen vor der Total-Schließung vieler Einzelhandelsbranchen konnte sich der Handel über einen wahren Run auf die Läden erfreuen. Humanic etwa warb am Samstag mit 50 % Rabatt auf die gesamte Ware - und entschuldigte sich bereits am Montag für die Aktion, als Fotos langer Menschenschlangen vor den Filialen des Schuhfilialisten auftauchten. Am Montag zu Mittag wurden Autofahrer aufgefordert, das Donauzetrum, die SCS und den Fischapark in Wr. Neustadt nicht mehr mit dem eigenen PKW anzufahren. Bei den Baumarkt-Ketten spricht man vom Montag „als umsatzstärksten Tag des Jahres". Zahlreiche Rabattaktionen (bis -80 %) heizten das Geschäft auch im Mode- und Schuhhandel an.
Nun fürchten viele Händler, in den nächsten Wochen wiederum Umsatz an die großen Online-Anbieter zu verlieren. Handelsobmann Trefelik richtete daher einen Appell an die Konsumenten während des Lockdowns ihre Einkäufe bei Onlineangeboten österreichischen Handels zu tätigen: „Das trägt dazu bei, dass der heimische Handel die Menschen auch weiterhin mit seinen Angeboten und Dienstleistungen versorgen kann und wir gemeinsam den Neustart besser schaffen können.“
Während die Einkaufszentren am letzten Einkaufstag vor dem Lockdown überlaufen waren, melden Händler aus kleineren Städten einen "gewohnt schlechten" Geschäftsverlauf. Auch die Tullner Modehändlerin Nina Stift, Vizepräsidentin der WKNÖ, macht sich sorgen um das Kaufverhalten in den nächsten Wochen - und die Auswirkungen auf das Weihnachtsgeschäft: „Ich appelliere an die Menschen, bitte das Geld zu sparen und mit den Weihnachtseinkäufen bis nach dem 6. Dezember zu warten“, sagt Stift, der Handel sei jedenfalls gerüstet, die Kunden dann wieder zu beraten und „gerne zu bedienen“. Noch dramatischer ist die Situation offenbar in Salzburg, wo man schon seit Tagen über einen kompletten Geschäftsstillstand klagt - während bayerische Händler vorerst offenhalten dürfen und dies auch in Österreich kräftig bewerben.
Über das Non-Food-Angebot der Lebensmittel-Filialisten herrscht Uneinigkeit wie bereits in Lockdown I: Während sich die Rewe-Gruppe mit dem Non-Food-Einzelhandel solidarisch zeigt und diese Sortimente während des Lockdowns II nicht verkauft, hält die Spar-Gruppe, Hofer und Lidl an ihrer Strategie fest, das gesamte Sortiment anzubieten - und argumentiert so: „Eine Sortimentsbeschränkung im Lebensmittelhandel wäre gesetzeswidrig, weil der Gesundheitsminister laut COVID-19-Maßnahmengesetz zwar eine Schließung von Geschäften verordnen kann. Er hat jedoch keine Ermächtigung, bei denen, die geöffnet haben, eine Sortimentsbeschränkung vorzunehmen. Eine Sortimentsbeschränkung im Lebensmitthandel wäre verfassungswidrig, weil dies eine wettbewerbliche Maßnahme und eine Wettbewerbs-beschränkung wäre. Der Verordnungsgeber (in diesem Fall der Gesundheitsminister) hat aber keine Kompetenz für eine Wettbewerbsbeschränkung.“ Die drei Lebensmittelriesen sind sich einig: "Umsatz im eigenen Land bedeutet Arbeitsplätze für Österreich.“

 

Autorin: Brigitte Pfeifer-Medlin